
Eine meiner
Lieblingsgeschichten über die DDR ist die über unseren Sommerlehrgang Zivilverteidigung.
Ende der neunten Klasse, drei Wochen vor den großen Ferien, hatten wir keinen Unterricht
mehr. Stattdessen hatten wir Mädchen Zivilverteidigung, kurz: ZV.
Zivilverteidigung galt als „fester Bestandteil der sozialistischen
Landesverteidigung“. So stand es im Lehrbuch Zivilverteidigung Klasse 9, Kapitel Eins. Der Lehrgang war Teil des
Wehrunterrichts, der ab 1978 für alle neunten Klassen Pflichtveranstaltung war.
Unser friedliebendes Land hielt es für notwendig, alle Bürger zu mobilisieren,
um den „imperialistischen Kriegstreibern in den Arm zu fallen und ihre
Absichten zu durchkreuzen“, schrieb besagtes Lehrbuch. Unter Einsatz unseres Lebens,
versteht sich, sollten wir den militärischen Schutz des Sozialismus gewährleisten
und „im Falle einer imperialistischen Aggression an der Seite der Sowjetunion“
den Feind schlagen. Unser Lehrbuch lieferte die notwendige ideologische Argumentationskette
und ein klares Feindbild. Zur Erhaltung des Friedens Krieg spielen. Was für
eine widersinnige Argumentation -- sagte ich aber nicht laut.
Drei Wochen vor Schuljahresende schlüpften wir Mädchen in olivgrüne Uniformen
und marschierten über das Schulgelände. Während die Jungen ins Wehrlager
fuhren, meist ein Kinderferienlager der nahen Umgebung. Das fanden wir fetziger.
Wer allerdings als ideologisch aufmüpfig galt, musste bei uns Mädchen mitmachen.
Um Zersetzungserscheinungen im Wehrlager vorzubeugen. Der Juni war warm. Wir
stöhnten über die Hitze, schwitzten in unserer Tarnkluft und verfluchten die schweren
Lederstiefel. Und freuten uns über den Ausfall von Mathe, Physik und Chemie.
Dass wir auch attraktiv in Oliv aussahen, davon versuchten uns zahlreiche Fotos
im Lehrbuch zu überzeugen: Mädchen mit ernster Miene und weißem Strickrolli
unter der Uniformjacke standen stramm in Reih und Glied, ihre langen Haare seidenglatt
über die Schultern fallend. Wenn die mal nicht beim Schießen vor die Augen fielen.
Mindestens eine von täglich sechs Stunden hatten wir Ordnungsübungen. Schließlich
seien, so unser Lehrbuch, „bei Katastrophen oder im Verteidigungsfall“ Aufgaben
zu lösen, die „von den Einsatzkräften der Zivilverteidigung und von allen
Bürgern unverzügliches, entschlossenes und einheitliches Handeln erfordern, um
das Leben, die Gesundheit und das Eigentum der Bürger sowie die Werte der
sozialistischen Gesellschaft zu schützen.“ Weiter erklärte es, dass zur „Gewährung
eines schnellen und kollektiven Handelns“ aller Personen die Leitung ihres
Einsatzes „mit Hilfe kurzer eindeutiger Kommandos“ erfolge, „die für jeden ohne
langwierige Erläuterungen verständlich sind.“ Das klang erstmal einleuchtend.
Also exerzierten wir: Grundstellung, Blickwendungen, Gleichschritt,
Grußerweisungen, Antreten, Ausrichten des Zuges und Marschieren mit Gesang. „In
Linie zu drei Gliedern antreten – marsch!“ brüllte unser Ausbilder. Seine Kommandos
klangen knackig. „Im Laufschritt – marsch!“ Ich kam mir blöd vor beim Laufen,
Arme in Brusthöhe angewinkelt, Ellenbogen steif nach hinten, Hände zur Faust
geballt und durch „rhythmisches Durchschlagen der angewinkelten Arme“ die
Bewegung unterstützend. Ich würde bestimmt nicht bei Havarie oder Luftangriff
so herumlaufen. Ich war doch nicht bei der Armee.
Die Schutzausbildung schien dagegen sinnvoll. „Verhalten in
Gefahrensituationen“ und „Retten und Bergen von Menschen“ waren sicher wichtige
Themen. Selbst wenn der Klassenfeind nicht angreifen, sondern „nur“ ein Feuer
ausbrechen würde. Als Verhaltensregel Nummer Eins beim „Retten und Bergen von
Menschen“ notierte ich in mein ZV-Heft: Das Tragen zweckmäßiger Kleidung. In
der Tat erwies sich unsere Uniform als äußerst zweckdienlich. Wir bauten Behelfstragen
aus Jacken und Gürteln und schleppten uns gegenseitig fröhlich gackernd umher. In
unseren Heften vermerkten wir die einzelnen Handlungsschritte bis zum Eindringen
in „zugängliche Schadenelemente“. So hießen zusammengebrochene Gebäude. Begriffe
wie „Schwalbennest“, „Trümmerkegel“ und „versperrter Raum“ blieben dennoch für
mich abstrakte Bilder aus Kriegsfilmen.
Um gar nicht erst unter Trümmern zu landen, beschäftigten wir uns mit der
„geschützten Unterbringung“, laut Lehrbuch der „Hauptmethode des
Bevölkerungsschutzes bei imperialistischen Aggressionshandlungen“. Als
Schutzräume galten alle unterirdischen Keller, Hohlräume, Schachtanlagen,
Tunnel und Tiefgaragen. In Gruppen sollten wir die „Grundanforderungen an einen
Schutzraum“, funktionelle Gliederung, Ausstattung und Verhalten im Schutzraum
diskutieren. Ich war wenig überzeugt von der Sicherheit eines solchen im Angesicht
moderner Waffen und hätte auch nicht gewusst, wohin ich im Ernstfall hätte laufen
sollen. Die Theorie war ausgefeilt. Die Praxis wohl eher ein Chaos.
Auf einen Angriff mussten wir jeder Zeit vorbereitet sein. Ein Klingeln,
und wir waren in Alarmbereitschaft, so die Vorstellung der Lehrbuchautoren, die
hilfsbereit die unterschiedlichen „Sirenensignale zur Warnung und Alarmierung“ graphisch
dargestellt hatten. Das Unterscheiden war schwierig. Kurz, lang, lang oder
kurz, kurz, lang, lang. War das jetzt Feueralarm, Katastrophenalarm, Luftalarm,
chemischer Alarm, gefahrdrohende Situation oder Entwarnung? Oder rief die
Schulklingel zur Hofpause? Bei Angriff krochen wir unter unsere Tische im
Klassenraum, bei Entwarnung wieder heraus. Unsere Schule hatte keinen Schutzraum.
Die Tische erschienen mir jedoch wenig wirkungsvoll im Falle eines Luftangriffs.
Unser Ausbilder beruhigte uns: „Zum Schutz der Atemwege vor
gesundheitsschädigenden Stoffen tragen wir zusätzlich eine Maske.“ Aha. „Die
können wir uns jederzeit selbst herstellen. Das erforderliche filtrierende
Material ist in jedem Haushalt vorhanden.“ Ich war gespannt. Aus den Nylonstrumpfhosen
unserer Mütter (den kaputten, versteht sich, heile waren wertvoll und meist aus
dem Westen) bastelten wir Strumpfmasken. Deren Anfertigung war mit präzisen
Abbildungen im Lehrbuch beschrieben. Sechs Lagen Zellstoff wurden zu einem
Zellstoffpäckchen gefaltet und „so in einen Damenstrumpf eingelegt, dass es
weder Falten schlägt noch zerknittert wird“. Der Strumpf wurde sodann zu beiden
Seiten des Päckchens verknotet, die fertige Maske über Mund und Nase gelegt und
mit den Enden des Strumpfes hinter dem Kopf zusammengebunden. Passt!
Vorsorglich weist das Buch darauf hin, nur durch den Mund zu atmen und
zusätzlich eine Schutzbrille zu tragen. Außerdem würden diese Atemschutzmittel
nur vor Mikroben und radioaktivem Staub schützen. Na toll. Dann konnte uns ja
nichts mehr passieren, spotteten wir. Wer fürchtete sich den schon vor ionisierender
Strahlung? Das Tragen der Strumpfmaske fanden wir peinlich und ein bisschen unangenehm.
Zum Glück mussten wir die Masken nur zur Anprobe im Klassenraum umbinden. Den
Jungs blieb die Anfertigung von Strumpfmasken erspart. Sie übten mit echten Bevölkerungsschutzmasken.
Um Gefahrensituationen möglichst frühzeitig zu erkennen, übten wir
Beobachten und Melden, also: viel sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Das klang
wie bei Winnetou auf dem Kriegspfad. In den Doberaner Wiesen tat sich jedoch
wenig. Also wählten wir eine befahrene Kreuzung in Stadtmitte. Zu zweit saßen
Jugendfreundin Susemihl und Jugendfreundin Holtz am Karl-Marx-Platz,
beobachteten die Straße und legten eine Beobachtungstabelle an: „8.32 Uhr:
reger Verkehr; 8.44 Uhr: SMH-Wagen (Schnelle Medizinische Hilfe) aus Richtung
Kröpelin; 8.50 Uhr: bepflasterter Trabant; 8.53 Uhr: VW rot, Renault rot; 9.02
Uhr: Herr Ahrens (unser stellvertretender Schuldirektor) wackelt im Trabant mit
Zeigefinger.“ Der Verkehr war damals bedeutend ruhiger und jedes auffällige
Auto wurde mangels anderer Vorkommnisse schriftlich festgehalten. Nach zwei
Stunden erstatteten wir unserem Ausbilder vorschriftsmäßig Meldung.
Auf das nächste Thema unserer Ausbildung, „Selbst- und gegenseitige
Hilfe“, freuten wir uns, denn das Erlernen von Maßnahmen der Ersten Hilfe war vor
allem nützlich, wenn man seine Moped-Fahrerlaubnis machen wollte. Ich hatte die
Moped-Prüfung mitsamt obligatorischem Erste-Hilfe-Kurs bereits in der achten
Klasse absolviert. Ich kannte die Themen. Ich kannte die Fotos. Auf dem Spielplatz der Erstklässler legten wir uns gegenseitig in die
stabile Seitenlage oder die Beine nach oben. Schocklagerung. An einem
Übungsphantom übten wir äußere Herzmassage und Atemspende. Unser Ausbilder zeigte
uns Lichtbilder mit Schnittwunden, Verbrennungen, Verätzungen, Vergiftungen und
sonstigen Verletzungen. Jana konnte kein Blut sehen und plumpste vom Stuhl. Wir
lagerten ihre Beine hoch. Wir übten das Anlegen von Druckverbänden,
Blutsperren, Maßnahmen bei Knochenbrüchen und die Aufnahme eines Wirbelsäulengeschädigten.
Zur Abschlussprüfung wurden Freiwillige mit Theaterblut präpariert. Durch
gezieltes Fragen oder Abtasten und gespielte Aufschreie der „Verletzten“
sollten wir ihre Schädigung herausfinden und entsprechend versorgen. Jana simulierte
eine Verbrennung dritten Grades und kicherte, als wir sie mühsam auf die Trage
zerrten und abtransportierten.
Die Geländeausbildung machte mir am meisten Spaß. Ich fühlte mich wie eine
Pfadfinderin. Wir lernten viele brauchbare Fakten: Moos wächst an der
Wetterseite von Bäumen, die Jahresringe von Baumstümpfen liegen auf der Nordwestseite
am dichtesten, Ameisen bauen ihre Hügel an der Südwestseite von Bäumen und alte
Kirchen stehen mit dem Turm nach Westen und dem Schiff nach Osten. Wir schätzten
Entfernungen nach Erkennbarkeit charakteristischer Umrisse und erfuhren, dass
Kirchen ab 15.000 Metern und Fabrikschornsteine ab 6.000 Metern erkennbar
seien. Und wir bestimmten Himmelsrichtungen und Marschrichtungszahlen mit dem
Marschkompass. Das Messen von Entfernungen (E) mit Hilfe des Schrittmaßes (SM)
erforderte mathematisches Geschick. Nachdem zuerst das persönliche Schrittmaß
ermittelt wird – aus der Errechnung des arithmetischen Mittels mehrerer Werte
der für eine abgeschrittene 100-Meter-Strecke benötigten Anzahl von Doppelschritten
(DS) – wird nach der Formel E ist gleich DS mal 100 durch SM die Entfernung in
Metern errechnet. Klingt kompliziert. Ist es auch. Daher schätzten wir Pi mal Daumen.
Derart lebenswichtige Kompetenzen für das Orientieren im Gelände konnten
sich in den unterschiedlichsten Situationen als hilfreich erweisen. Wie zum
Beispiel auf meinen Reisen in den hohen Norden des amerikanischen Kontinents. Dumm
nur, dass in den Nationalparks Alaskas und Kanadas weder Fabrikschornsteine
noch Kirchen zu finden waren. Aber immerhin konnte ich mich noch Jahre nach
meiner Geländeausbildung in der subarktischen Wildnis mittels topographischer
Karten orientieren. Das hatte ich gelernt. Ebenso wie das Zeichnen von
Geländeskizzen. Mein ZV-Heft beinhaltet Ansichts- und Grundrissskizzen der
Doberaner Wiesen, angefertigt am 24. Juni 1988 um acht Uhr. Eingezeichnet sind
Wasserwerk, Hilfsschule und Gartenanlagen als Quadrate, Bäche als krumme Linien
und Bäume als verkorkste Omega-Zeichen. Im Doberaner Mischwald bauten wir auch Zweighütten
und Windschutze als behelfsmäßige Unterkünfte. Rüdiger Nehberg hätte an unserem
Survival-Training seine wahre Freude gehabt.
Unser Lehrbuch führte uns bei allem Spaß unwillkürlich den vermeintlichen
Ernst der Lage wieder vor Augen: „Die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz des
Lebens und der Hilfeleistung setzen voraus, dass sich die Hilfskräfte im
Gelände zweckmäßig bewegen, sicher orientieren und richtig verhalten.“ Warum?
Um unter allen Bedingungen, bei Tag, Nacht oder Wirkung gegnerischer Waffen,
schnell und sicher zum Einsatzort zu gelangen. Auch ohne Einsatzort bewegten
wir uns mittels aufrechtem oder gebücktem Gehen, Kriechen, Gleiten oder kurzen
und langen Sprüngen grazil und lautlos wie die Indianer im Gelände. „Jugendfreundin
Susemihl! Bis zum Waldrand gleiten – vorwärts!“ Ich warf mich auf den Boden,
presste mich ins Gras, wobei mein Kinn knapp den Boden berührte, Blick nach
vorn, und robbte vorwärts. Zum Glück nur wenige Meter. Ich war kein Freund
dieser Übungen.
Den Abschluss der ZV-Ausbildung bildeten die „Tage der Wehrbereitschaft“.
Jetzt durften wir unser erlerntes Wissen zur Anwendung bringen. Gemeinsam mit
den Jungen, die aus dem Wehrlager zurückgekehrt waren, machten wir uns auf den
Abschlussmarsch. Wir sangen lauthals: „Wenn wir schreiten Seit an Seit“, liefen
in Sechsergruppen und mit Laufkarte von Station zu Station, und schnatterten
von unseren Erlebnissen in den Lagern. Wir hangelten über Bäche, schwangen an
Seilen zurück, schossen auf Scheiben, legten einen Verletzten in die stabile
Seitenlage und beatmeten einen Dummie mit Herzdruckmassage. Wir schätzen die
Entfernung vom Waldrand bis zum Nachbardorf und liefen einen Kilometer mit Gasmaske,
der wir zuvor das Ventil aufgedreht hatten, denn ersticken wollte niemand. Die
beste Gruppe erhielt eine Torte. Wir schlugen unsere Kontrahenten um vierzig
Minuten und drei Mann, die sie im Bach verloren. An den anschließenden
Festschmaus erinnere ich mich nicht mehr, wir freuten uns auf die Ferien.
Die ordnungsgemäße Vertiefung meiner wehrpolitischen Kenntnisse in der
elften Klasse blieb mir – Gorbi sei Dank! – erspart. Das Krieg spielen hatte
ein Ende, Wehrpflichtverweigerungen wurden legal. Ein Gutes hatte die
Ausbildung vielleicht, vom Orientieren im Gelände mal abgesehen: Die Anekdoten
unseres Sommerlehrgangs in Zivilverteidigung sorgen im Freundeskreis immer
wieder für gute Unterhaltung.
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